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27.05.2008

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MEDIZIN: Nicht jeder ist ein „Rain Man“

Autismus wird bei Kindern oft sehr spät erkannt / Häufig sind es anfangs nur kleine Auffälligkeiten

KIRCHMÖSER - Eis. Der kleine Blondschopf mit den himmelblauen Augen möchte unbedingt ein Eis. Er hat sich direkt neben die Kühlschranktür postiert. Bittend. Fordernd. Das Gesicht zur Mutter gewandt. Nur die Augen haben ein anderes Ziel. Der Blick rutscht nach unten. Fixiert einen Punkt auf dem Fußboden. „Annika, was möchtest du?“, fragt Roswitha Lukas-Heger ihre Tochter. „Möchtest du Eis?“ Ganz sicher. Aber sagen kann es die Fünfjährige nicht. Sie ist Autist. Sie kann nicht sprechen.

Aber sie soll ihrer Mutter den Wunsch zeigen. „Wir bringen ihr eine Zeichensprache bei“, erklärt Lukas-Heger, die im Brandenburger Stadtteil Kirchmöser wohnt. Für „Eis“ soll Annika ihre Hand an den Hals legen. Zögerlich hebt sie die Hand. „Eis. Richtig. Fein hast du das gemacht.“ Dem großen Lob folgt die große Belohnung. Ein Eis am Stiehl. Annika beißt sofort in die kalte Masse. Vielleicht zieht die Kälte in den Zähnen. Annika lässt es sich nicht anmerken. Sie sucht starke Reize.


Die Symptome können sich überschneiden

Im Alter von drei Jahren wurde bei Annika „frühkindlicher Autismus“ festgestellt. Ein Jahr lang hat es gedauert, bis die Eltern die Diagnose hatten. „Es ist häufig nicht leicht, Autismus sicher zu diagnostizieren“, erklärt Kinder- und Jugendpsychiater Hellmut Hartmann aus Potsdam. Es gibt viele Ausprägungen von Autismus. Zahlreiche Betroffene haben auch geistige Behinderungen. Die Symptome können sich überschneiden. Autistische Kinder können aber auch sehr intelligent sein. In Brandenburg gibt es schätzungsweise 1300 Fälle von frühkindlichem Autismus. Zählt man weitere Ausprägungen der Krankheit dazu, sind es 6400 Fälle.

Autisten – Menschen, die auf sich selbst bezogen sind – haben Schwierigkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. Sie können Wahrnehmungen und Reize nicht richtig verarbeiten. Sie neigen dazu, bestimmte Handlungen immer wieder auszuüben. Einige Betroffene beschäftigen sich ausdauernd mit einem Spezialgebiet, auf dem sie mitunter erstaunliche Fähigkeiten entwickeln. Sie können ganze Buslinien-Netze herunterrasseln – mit jeder Haltestelle.

Doch nicht jeder Autist sei ein Zahlen-Genie wie Rain Man im gleichnamigen Hollywood-Film, sagt Lukas-Heger. Ihre Tochter Annika ist es nicht. In den ersten Monaten hatte sie sich gut entwickelt. Aber dann merkten die Eltern, dass etwas nicht stimmt. Als Zweijährige saß Annika wie gedankenverloren im Garten und ließ den groben, rauen Sand durch die Finger rieseln. Ein ums andere Mal. Minutenlang. Stundenlang. Das kaum wahrnehmbare Geräusch eines weit entfernten Flugzeugs konnte das Mädchen zum Schreien bringen. Zu guter Letzt hörte Annika, die „Mama“ und „Papa“ sagen konnte, plötzlich auf zu sprechen. Ein Schock für die Eltern.

Erste Anlaufstelle für auffällige Kinder sind die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) im Land. Claus Herrmann, Kinderarzt und Leiter des Potsdamer Zentrums, berichtet, dass hier jährlich bis zu 2000 Kinder vorgestellt werden. Zwei bis drei davon werden mit Verdacht auf Autismus überwiesen. Deren Anzahl sei nicht gestiegen. „Aber die Sensibilität für diese Krankheit nimmt zu“, so der Kinderarzt.

„Autismus ist ein relativ junges Thema – gerade das Aspergersyndrom“, sagt Maik Teriete, stellvertretender Leiter des Autismuszentrums Oberlinhaus in Potsdam. Autisten mit Aspergersyndrom haben häufig eine gut entwickelte Sprache. Sie haben aber motorische Probleme, sind etwas ungeschickt. Das fällt nicht gleich auf. Teriete schätzt, dass viele Autisten „bisher unerkannt in Kitas und Schulen sind“. 37 Kinder und Erwachsene mit Autismus werden im Oberlinhaus therapiert – ein- oder zweimal pro Woche.

Das war Lukas-Heger zu wenig. Sie hat ihren Beruf als Ärztin aufgegeben, um für Annika da zu sein und um sie unter Anleitung von Fachleuten intensiv zu fördern. Und sie hat Cotherapeuten für ihre Tochter engagiert, die sich 30 Stunden pro Woche mit Annika beschäftigen. Zwei Drittel der Zeit wird mit dem Kind freilich gespielt. „Annika soll Spaß am Unterricht haben“, sagt Lukas-Heger – und dabei alltägliche Dinge lernen. Zum Beispiel, einen Stuhl an den Tisch zu schieben.



Nicht immer ist klar, welches Amt zuständig ist

Das ist nicht leicht für die Fünfjährige. Das Laufen fällt ihr schwer und die Hände gehorchen nicht auf Anhieb. Stück für Stück schiebt sie das leichte Möbel an den Tisch. Bedächtig steigt sie auf die Sitzfläche. Cotherapeutin Anja Michaelis passt genau auf, dass der Kleinen nichts passiert. „Das hast du gut gemacht“, lobt Michaelis und reicht Annika ihr Lieblingsspielzeug. Eine Rassel, die viel Lärm macht. Das ist die Basis der Therapie: Richtiges Verhalten wird sofort belohnt.

Den größten Teil der Kosten für die Therapie übernimmt das Sozialamt. Das Amt sei „sehr kooperativ“, sagt Lukas-Heger, die die Fortschritte ihrer Tochter in der Therapie genau dokumentiert. Nicht überall klappt die Zusammenarbeit so gut. Martina Reinke, Vorsitzende des Autismus-Landesverbandes, berichtet von Fällen, in denen es ein Jahr dauerte, bis die Ämter Hilfe bewilligten. Zudem sei nicht immer klar, welches Amt zuständig ist: Jugend- oder Sozialamt. Die Hilfe gerade für frühkindliche Autisten sei „ein sehr, sehr schwieriges Geschäft in Brandenburg“, räumt Jens Büttner vom Potsdamer Sozialministerium ein. Das hänge auch damit zusammen, dass es nur wenige Betroffene gebe.

Betroffene wie Annika, die nicht gern barfuß über Rasen läuft. Der ist zu weich und für ihre gestörte Wahrnehmung kein eindeutiger Reiz. Lieber streicht die Fünfjährige über harte Kokosmatten. Betroffene wie Annika und ihr zweijähriger Bruder Sebastian, bei dem kürzlich dieselbe Diagnose gestellt wurde: frühkindlicher Autismus. (Von Ute Sommer)

Ein genetischer Defekt

Kinder- und Jugendpsychiater Hellmut Hartmann war Chefarzt der Landesklinik Brandenburg. Mit dem 71-jährigen Autismus-Spezialisten, der für die Psychotherapeutische Ambulanz der Uni Potsdam arbeitet, sprach Ute Sommer.

MAZ: Was ist die Ursache von Autismus?

Hellmut Hartmann: Ein genetischer Defekt. Allerdings sind die Gene, die für die Störung verantwortlich sind, noch nicht sicher identifiziert.

Welche Symptome gibt es?

Hartmann: Autisten meiden Blickkontakt oder schauen einen mit wenig bewegter Miene an. Die Kinder können sich kaum mit der Mimik verständigen. Sie spielen nicht mit anderen Kindern und reagieren verzögert oder gar nicht auf neue Reize. Wenn sie also mit einem Spielzeug beschäftigt sind, nehmen sie andere Gegenstände, die man ihnen zeigt, nicht richtig wahr. Diese Fixierung kann sich auch in der stereotypen Wiederholung von Handlungen und Themen oder dem Bestehen auf bekannten Abläufen und Ordnungen zeigen.

Ist Autismus heilbar?

Hartmann: Es gibt einige Berichte über Spontanheilungen und Erfahrungen mit Therapieerfolgen, die an Heilungen grenzen. Da bleibt aber immer die Frage, ob zuvor die Diagnose Autismus korrekt war. Vor dem Alter von drei Jahren muss mit einer Fehlerquote bis zu 20 Prozent auch bei fachgerechter Diagnostik gerechnet werden. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass viele Betroffene mit Therapien sehr gute Fortschritte machen.



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