Verhaltensforschung

Vertrauen aus der Spraydose

Von Hildegard Kaulen

Augenblicke, in denen ein Hauch Oxytocin nicht schaden würde (Hitchcock: Aus ...

Augenblicke, in denen ein Hauch Oxytocin nicht schaden würde (Hitchcock: Aus dem Reich der Toten)

01. Juni 2008 Dass Menschen einander vertrauen, sich binden und Einfühlungsvermögen zeigen, hat mit der Wirkung eines Hormons zu tun, mit der des Oxytocins. Schweizer Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass dieses Neuropeptid im Gehirn dort wirkt, wo Furcht entsteht und wo die Rückmeldungen über die Wirkungen des Sozialverhaltens zusammenlaufen.

Die Angriffsorte sind der Mandelkern, das Mittelhirn und der Schwanzkern. Beim Autismus und der Sozialphobie sind diese Bereiche überaktiv. Falls sich herausstellen sollte, dass es bei diesen Krankheiten einen Mangel an Oxytocin gibt, könnte eine Behandlung mit dem Neuropeptid möglicherweise Wirkung zeigen. Das legen die Ergebnisse von Thomas Baumgartner und seinen Kollegen von der Universität Zürich nahe, die in der Zeitschrift „Neuron“ (Bd. 58, S. 639) vorgestellt werden.

Star der Verhaltensbiologie

Oxytocin war jahrelang nur aus der Geburtshilfe bekannt. Das Hormon löst Wehen aus, lässt Muttermilch fließen und stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Vor drei Jahren wurde bekannt, dass es auch das Vertrauen zu den Mitmenschen fördert. Seitdem ist es der Star der Verhaltensbiologie. Menschen, denen man Oxytocin in Form eines Nasensprays verabreicht hatte, waren in Verhaltensexperimenten zutraulicher, spendabler und einfühlsamer als diejenigen, denen man nur eine wirkstofflose Kontrolle gegeben hatte.

Das Hormon wirkt allerdings nur bei sozialen Kontakten, es erhöht nicht das generelle Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und fördert nicht den Hang zum riskanten Verhalten. Baumgartner und seine Kollegen konnten jetzt außerdem zeigen, dass Oxytocin auch dann noch Vertrauen erzeugt, wenn bereits feststeht, dass dies nicht gerechtfertigt ist.

Eine Sache des Vertrauens

Die jetzt vorgestellten Erkenntnisse stammen aus einem Spiel, bei dem entweder einer Person oder einem Computer vertraut werden sollte. Die Reaktionen des Gehirns wurden mit der funktionellen Magnetresonanztomographie aufgezeichnet. Bei dem Spiel war einer der Teilnehmer Investor, der andere Treuhänder. Der Investor überantwortete dem Treuhänder zunächst eine beliebige Summe Geldes. Der Spielleiter verdreifachte diesen Betrag, ohne dass der Investor darüber in Kenntnis gesetzt wurde. Der Treuhänder konnte danach entscheiden, ob er den Gewinn teilen oder für sich behalten wollte.

In dem einen Fall wäre das Vertrauen des Investors belohnt, in dem anderen missbraucht worden. Weil beide Personen nur einmal miteinander spielten und dann zum nächsten Mitspieler wechselten, gab es für den Treuhänder keinen Anreiz, das in ihn gesetzte Vertrauen zu honorieren. Der Investor wurde aber jedes Mal darüber informiert, wie sich der Treuhänder entschieden hatte. In einer Variante des Spiels zahlten die Investoren ihren Einsatz an eine Lotterie. Über Gewinn und Verlust entschied allein der Computer.

Das Hormon zeigt Wirkung

Die Investoren absolvierten beide Spiele entweder unter der Einwirkung des Oxytocins oder unter der eines Placebos. Obwohl sie immer wieder erleben mussten, dass ihr Vertrauen von Treuhändern missbraucht wurde, brachte das Hormon sie dazu, ihr Verhalten nicht zu ändern. Sie übergaben den wechselnden Mitspielern stets die gleiche Summe, wohingegen die Spieler, die unter der Einwirkung des Placebos standen, auf den Vertrauensbruch sofort mit einem geringeren Einsatz reagierten. Ihr Wille zum Risiko war deutlich zurückgegangen. Im Gehirn zeigte sich die vertrauensstiftende Wirkung des Oxytocins an der reduzierten Aktivität in den drei Regionen. In dem Spiel mit dem Computer indessen waren keinerlei Unterschiede zu sehen, weder beim Verhalten noch bei der Hirnaktivität.

Weil Oxytocin das vermittelt, was beim Autismus und der Sozialphobie fehlt - nämlich Empathie, Bindungsfähigkeit und Vertrauen -, ist das Interesse an diesem Hormon sprunghaft angestiegen. Baumgartner und seine Kollegen hoffen nun auf neue Ansätze für die Forschung. Im Internet wird das Nasenspray derweil schon unter dem Namen Liquid Trust - flüssiges Vertrauen - angeboten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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